Die Freie Universität Berlin richtet am Institut für Theaterwissenschaft erstmals eine René Pollesch-Gastprofessur ein. Damit wird das Wirken eines der prägendsten Theatermacher der Gegenwart gewürdigt. Der Künstler – zuletzt Intendant der Berliner Volksbühne – starb vor zwei Jahren am 26. Februar 2024 in Berlin. Die erste René Pollesch-Gastprofessur wird die Dramatikerin und Regisseurin Sivan Ben Yishai übernehmen. Ihre öffentliche Antrittsvorlesung findet am 21. April 2026 um 18 Uhr am Institut für Theaterwissenschaft der Freien Universität Berlin statt.
Ermöglicht und mitinitiiert hat die René Pollesch-Gastprofessur die Willms Neuhaus Stiftung - Zufall und Gestaltung (Berlin). Mit der Gastprofessur will die Willms Neuhaus Stiftung - Zufall und Gestaltung gemeinsam mit der Freien Universität den Austausch zwischen Wissenschaft und künstlerischer Praxis stärken, einen neuen Ort für öffentliche Debatten über ästhetische Formen, Produktionsweisen und gesellschaftliche Gegenwart des Theaters schaffen. Die Gastprofessur ist mit 30.000 Euro dotiert. Zusätzlich werden 5.000 Euro für die Durchführung am Institut für Theaterwissenschaft bereitgestellt.
Erste René Pollesch-Gastprofessorin: Sivan Ben Yishai
»Wir freuen uns, mit Sivan Ben Yishai eine Künstlerin zu gewinnen, deren Schreiben die Gegenwart auf ähnlich kompromisslose Weise wie René Pollesch befragt«, so der Theaterwissenschaftler der Freien Universität Berlin und Juryvorsitzende Jan Lazardzig. Der Jury gehörten auch die Dramaturgin Anna Heesen, die Theaterwissenschaftlerin und Kuratorin Joy Kristin Kalu, der Wissenschaftshistoriker Hans-Jörg Rheinberger sowie die Autorin und Willms Neuhaus-Preisträgerin 2024 Esther Slevogt an.
»Wie ein roter Faden durchzieht die Theatertexte Sivan Ben Yishais die Auseinandersetzung mit spezifischen Konventionen des Schreibens«, heißt es in der Jury-Begründung. In der poetischen, nicht selten drastischen Sprache von Sivan Ben Yishai würden Mythos und Tradition, Kanon und Repräsentativität mit Alltäglichem amalgamieren. »Dabei spielt der Zufall als strukturelles Prinzip eine bedeutende Rolle. Er funktioniert als Methode der Textorganisation, der Stimmenführung und der politischen wie poetischen Perspektivverschiebung. Leben als Widerfahrnis, als ein von Unberechenbarkeit, historischer wie sozialer Determiniertheit und Gestaltungswillen geprägter Zusammenklang, wird bei Ben Yishai im Spiegel dramatischer und theaterbezogener Regeln und Affordanzen unter das Brennglas ihres Schreibens gelegt.«
Sivan Ben Yishai studierte Theaterregie und szenisches Schreiben in Tel Aviv und Jerusalem. Seit 2012 lebt die Künstlerin in Berlin. Sie gehört zu den bedeutendsten Theaterautor:innen ihrer Generation. Ihre Stücke werden im deutschsprachigen Raum sowie international viel gespielt u.a. in Südkorea, Frankreich, Spanien, Tschechien, Schweden, Finnland. Sie wurde zweifach mit dem Mülheimer Dramatikpreis ausgezeichnet, 2022 für Wounds Are Forever (Selbstportrait als Nationaldichterin) und 2024 für Nora oder Wie man das Herrenhaus kompostiert und war zwei weitere Male nominiert, mit LIEBE/ Eine argumentative Übung (2020) und mit Bühnenbeschimpfung (Liebe ich es nicht mehr oder liebe ich es zu sehr?) (2023). In der Kritiker:innen-Umfrage von Theater heute wurde sie in den Jahren 2022 und 2023 als Dramatikerin des Jahres geehrt. Mit ihrem Stück Like Lovers Do (Memoiren der Medusa) in einer Inszenierung der Münchner Kammerspiele (Regie: Pınar Karabulut) war sie 2022 zum Berliner Theatertreffen eingeladen und erhielt 2023 den Theaterpreis Berlin im Rahmen des Theatertreffens, zu dem sie mit Nora. Ein Thriller von Sivan Ben Yishai, Hendrik Ibsen, Gerhild Steinbuch, Ivna Žic (Regie: Felicitas Brucker) erneut eingeladen war. Ihre Theaterstücke werden von den Autorinnen Maren Kames und Gerhild Steinbuch vom Englischen ins Deutsche übersetzt, für Essays und Kurzstücke wird dieses Team von Tobias Herzberg (Leitungsteam Schauspielhaus Wien) ergänzt. Seit 2018 vertritt der Suhrkamp Theater Verlag das dramatische Werk der Autorin.
Stiftung fördert Erforschung und Differenzierung des Zufalls
Die Willms Neuhaus Stiftung - Zufall und Gestaltung wurde 2013 von Dr. Agnes Neuhaus-Theil im Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft mit dem Ziel errichtet, zur Erforschung und Differenzierung des Zufalls beizutragen: als bedeutsames Movens für Entwicklung, Evolution und Innovation. Die Stiftung fördert Künstler:innen und Wissenschaftler:innen mit Blick auf einen fachübergreifenden Diskurs.
»Die Förderung von Künstler:innen und Wissenschaftler:innen im Dialog ist ein zentrales Anliegen unserer Stiftung«, so Stiftungsgründerin Agnes Neuhaus-Theil. »Die René Pollesch-Gastprofessur schafft hierfür einen institutionellen Ort. Sie würdigt einen prägenden Theatermacher und stärkt zugleich den Transfer zwischen Forschung und Praxis. Mit Sivan Ben Yishai wurde eine Künstlerin berufen, deren Arbeit in besonderer Weise für ästhetische Innovation und gesellschaftliche Relevanz steht.« (cxm)