Gesang vom Lusitanischen Popanz UND Viet Nam Diskurs

Besetzung variabel

»Ich will nicht für die Zukunft schreiben, und schon gar nicht für die Ewigkeit. Ich will für diesen Tag schreiben und für die Veränderung des Tages. Wenn ich heute mit meinem Schreiben nichts erreichen kann, dann ist das ganze Schreiben sinnvoll.«
(Notizbücher 1960 – 1971. Bd. 1.2. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1982, edition suhrkamp. Neue Folge, 153, S. 473)

Am 8. November 2026 steht der 110. Geburtstag von Peter Weiss an. Das könnte ein Anlass sein, die Theaterstücke von Peter Weiss, der Dramatiker wie Epiker und Essayist, bildender Künstler wie Filmemacher war, neu zu lesen. Wer seine Dramatik chronologisch neu oder wieder liest, erkennt, wie die Texte aufeinander aufbauen. Seine frühen Arbeiten als Maler, bildender Künstler, als Filmemacher nehmen dabei Fragen der künstlerischen Gestaltung, die sich ihm literarisch stellten, vorweg. Es zeigt sich, mit welchen thematischen Suchbewegungen, Techniken, wiederkehrenden Motiven, mit welcher Lust am Spiel mit tradierten Theaterformen Peter Weiss jeweils neue Texte für das Theater erarbeitet, welche Form der Autor für seine inhaltlichen Recherchen findet. »Für mich war Schreiben ein Prozeß, vermittels dessen ich meiner selbst und der Welt, in der ich lebe, bewusst geworden bin. Schreibend habe ich mich selbst erzogen. Schreibend habe ich mein politisches Denken entwickelt«, so Peter Weiss 1968 im Gespräch mit Giorgio Polacco.

Ende der 1960er-Jahre – Peter Weiss war mit Marat Sade und Die Ermittlung gerade überraschend auch weltweit zum viel gespielten und diskutierten Dramatiker und zum wichtigsten Mitinitiator und Vertreter des Dokumentartheaters geworden – tritt das Thema Kolonialismus in den Vordergrund. Die Themen Faschismus und Kolonialismus prägen bereits die Arbeit an Marat Sade und Die Ermittlung, in seinen Notizbüchern schreibt er: »Das faschistische Regime in Deutschland wurde besiegt. Doch das Prinzip der Verfolgung aus Ausbeutung großer Bevölkerungsgruppen, bis zur Vernichtung, besteht weiter.« (Notizbücher 1960 – 1971. Bd. 1.2. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1982, edition suhrkamp. Neue Folge, 67, S. 374)

Gesang vom Lusitanischen Popanz ist sein erstes Stück, das dezidiert den Kolonialismus zum Gegenstand hat. Weiss’ Interesse gilt darin Portugal und den ehemaligen Kolonien im afrikanischen Angola und Mosambik. Das europäische Land dient ihm als Vorlage, die portugiesische Außenregierung reagiert entsprechend empfindlich auf die Premiere im Januar 1967 in Stockholm. Es ist eine frühe Auseinandersetzung mit Kolonialismus innerhalb der Theaterliteratur des 20. Jahrhunderts überhaupt. Vor allem in Lateinamerika und Afrika wird dieses Stück, angepasst an die Gegebenheiten des jeweiligen Landes, in der Folge inszeniert werden.

Noch vor Abschluss des Gesanges vom Lusitanischen Popanz beginnt Peter Weiss einen neuen Stoff, der das Schicksal einer Völkergemeinschaft zum Gegenstand hat, den Viet Nam Diskurs: Im Sound schlanker, rhythmischer Sprache zieht Weiss 1968 in seinem zweiten »Kolonialismus«-Stück einen vielstimmigen, gewaltigen szenischen Bilder-Bogen von annähernd 2.500 Jahren vietnamesischer Geschichte: vom Altertum über die Gründung der »Demokratischen Republik Viet Nam« 1945 durch Ho Chi Minh bis zum Vietnamkrieg der USA zum Zeitpunkt der Entstehung des Stückes. Peter Weiss knüpft mit diesem ebenfalls akribisch recherchierten Stück 1968 an seine Auseinandersetzung mit der Geschichte der Machtergreifungen, Kolonialisierungen und Befreiungen an.

»Was für ein Autor!«, schreibt Kritiker Henning Rischbieter 1967. »Er ist naiver als seine Kollegen, kann also simpler, kräftiger sein – ist aber zugleich auch raffinierter, umfassender in den Mischungen, Brechungen. Den Gesang vom Lusitanischen Popanz hielt ich nach der ersten Lektüre für eines seiner Nebenwerke. Das war ein Irrtum.« Wie über Krieg schreiben? Wie über Kolonialismus? Wie über Raubkunst? Wie den Eurozentrismus verlassen? Dass gegenwärtige Konflikte nur aus der Kenntnis der Geschichte zu verstehen sind, dass im besten Fall eine Dialektik von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft entsteht, war Weiss’ dramaturgisches Einmaleins. Es verleiht seinem Gesang vom Lusitanischen Popanz wie auch dem Viet Nam Diskurs bis heute ungebrochene Wucht.


Peter Weiss wurde am 8. November 1916 in Nowawes bei Berlin geboren und starb am 10. Mai 1982 in Stockholm. Zwischen 1918 und 1929 lebte er in Bremen, wo er das Gymnasium besuchte. 1929 kehrte die Familie Weiss nach Berlin zurück, musste jedoch 1934 emigrieren. Die erste Station bildete London, darauf folgte 1936 die SR. In diesen Jahren widmete sich Peter Weiss vorwiegend der Malerei – 1937/1938 studierte er Malerei an der Kunstakademie in Prag. In dieser Zeit besuchte er Hermann Hesse während zweier längerer Aufenthalte in der Schweiz. Die dritte und letzte Emigrationsstation bildete 1939 Schweden, wo Peter Weiss zunächst in Alingsås, ab 1940 in Stockholm wohnte. Hier setzte er seine...
Peter Weiss wurde am 8. November 1916 in Nowawes bei Berlin geboren und starb am 10. Mai 1982 in Stockholm. Zwischen 1918 und 1929 lebte er in...
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Stücke


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