Es gibt viele Gründe, die vielstimmige Literatur von T. S. Eliot, Lyriker, Dramatiker, Essayist und Literatur-Nobelpreisträger von 1948, wieder zu lesen. Eliot, 1988 im amerikanischen Missouri geboren, ging zum Studium nach Paris und Marburg, schließlich nach London, 1927 wurde er britischer Staatsbürger.
Das wüste Land, Eliots klangvolles Langgedicht im Stil des Bewusstseinsstroms ist bis heute faszinierendes Zeugnis der literarischen Moderne. Auf deutschsprachigen Bühnen umgesetzt, wirkt es noch immer frisch in seinem soghaften Sound, dem Tableau der Gleichzeitigkeit. Eliots Theaterstücke sind ein wenig in Vergessenheit geraten: Die Autorin dieses Textes erinnert sich an eine performativ starke Umsetzung des Fragments Sweeney Agonistes 1999 in den Berliner Sophiensaelen, u.a. mit Clemens Schick, der absurde Text provozierte eine eigenwillige Körperlichkeit.
Warum Die Cocktail Party der Renner auf den Bühnen von Nachkriegs-Deutschland war, hat mit Eliots Lässigkeit zu tun, mit der er seinen well-made-plays, den klug durchkomponierten Konversationsstücken, die alle eine spirituelle Suche beschreiben, einen doppelten Boden einzieht. Und mit Eliots dunkler Nähe zum Existenzialismus: »Die Hölle«, heißt es in Die Cocktail Party, »ist man selbst, allein. Die andern Gestalten darin sind mir Projektionen.« Vordergründig parlieren die facettenreichen Figuren in flotten Dialogen, gleichzeitig ist das Verdrängte, das Unterbewusste, das Schweigen und das Reich der Toten genauso beredt: In
Der Familientag etwa hat Eliot ein Familiendrama geschrieben, das in seiner hoch aufgeladenen Poesie die Grenzen des Sag- und Unsagbaren, von Traum und Wirklichkeit auslotet, in dem eine Familie schweigt, verdrängt, pathologisiert und auf die Boulevardpresse schielt, in der sie gut dastehen möchte. Der Mythos der Eumeniden, Aischylos' Orestie, liegt wie ein Teppich in dem aristokratischen Landhaus, auf dem die englische Familie zum antiken Chor wird. Ein Stück über Familiengedächtnis, kollektive Verdrängung und den Preis der Wahrheit. Starke Dialoge, die Grundspannung einer antiken Tragödie im neuen Gewand, die das Unbehagen des modernen Menschen, das Spiel von Sein und Schein berührt, machen Der Familientag zu einer lohnenswerten Wiederentdeckung. Verstörend aktuell.