Eine Erzählung aus Einar Schleefs Die Bande. Erzählungen, edition suhrkamp 1127 (©1982, Suhrkamp Verlag GmbH, Berlin) - ein Monolog für eine Spielerin
Dies ist ein kraftvoller, den Sohn anklagender Monolog einer Frau aus der DDR-Provinz. Der Sohn, das ist
Einar Schleef. Wie bereits sein Bruder ist er in den Westen »abgehauen«. Von Westdeutschland aus imaginiert sich Schleef in seinem kolossalen Werk
Gertrud sowie auch in
Tod des Lehrers seine thüringische Heimat und setzt die Mutter bühnenwirksam in Szene: »Denkst Du denn überhaupt nicht an Deine Mutter«, so schreibt Gertrud in dem Brief vom 11. Juni 1979 aus Sangerhausen, mit dem der Monolog wie ein Paukenschlag beginnt. Sie lamentiert, berichtet von ihrem mühevollen Alltag, von ihren Beobachtungen in der thüringischen Kleinstadt und von ihren Begegnungen mit der Frau des Lehrers. Es ist der Sangerhauser-Heimatkontext, der dem Mutter-Monolog
Tod des Lehrers Klang, Temperament, seinen klagenden, melancholischen Ton gibt.
In der thüringischen Provinz wuchs Einar Schleef auf, hier prägte ihn auch der Kunstlehrer, der sich Jahre später, aufgerieben vom Schulalltag und vom politischen System, das Leben nehmen wird. Gertrud spricht tief berührend aus der Abgeschiedenheit ihres einsamen Lebens, ihrer Existenz in der DDR, aus der sie, die Rentnerin, nicht ausreisen kann oder mag, muss sie doch einen Findling suchen für das Grab ihres verstorbenen Mannes. »Ich habe so viele Fragen an Dich und kein Mensch ist da. Aber daß ich so völlig von der Welt abgeschnitten, wer sich das denken können.«
Durch die Kunst des Sohnes wird Mutter Gertrud zu einer literarischen Figur –
Gertrud gehört heute zum deutschsprachigen Literaturkanon.
Tod des Lehrers bildet einen faszinierenden Mosaikstein, wenn es darum geht, das komplexe Bild einer »ostdeutschen Mentalität« aus literarischer Perspektive zu erfassen.
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