Hermann Hesse – ein früher Popstar der Literaturgeschichte
Hermann Hesse – ein früher Popstar der Literaturgeschichte
Ideenskizze für Bühnen-Adaptionen anlässlich des 150. Hesse-Jubiläums
Von Nina Peters
Hermann Hesse: Sohn schwäbischer Pietisten, der als Hochbegabter in den Kaderschmieden des Landes Württemberg eine Karriere als Theologe einschlagen sollte und diesen Weg abbricht (u.a. Demian, Unterm Rad, Narziß und Goldmund). Sorgenkind seiner Erzieher, Rebell gegen die Enge der pietistischen Vorstellungen seiner religiös fanatischen Eltern. Der nervöse Jugendliche mit Selbstmordgedanken, der bereits mit 13 weiß, dass er Schriftsteller werden möchte oder nichts. Die Briefe an die Eltern, an den Vater, aus der kurzen Zeit in der »Irrenanstalt« in Stetten bei Stuttgart – die Eltern meinen, der widerspenstige Junge sei vom Bösen besessen –, ein erschütterndes Dokument fragwürdiger Elternschaft und verfehlter Pädagogik. Nach Tübingen, Hesse wird nach dem Schulabbruch in eine Buchhändlerlehre gesteckt, gibt der Vater ihm »10 Gebote« mit (»Das Rauchen auf ein Minimum beschränken, weil es den Appetit vermindert, die Nerven reizt und Geld kostet.«). Wer diese Familie hinter sich lässt, ist schon weit gekommen.
Influencer der Jugend
Hesse, der ewig suchende Steppenwolf, der Antibürger, geprägt vom Geist der Romantik, der enttäuschte Reisende nach Indien (Siddhartha), wo seine Mutter geboren wurde, seine Eltern als Missionare tätig gewesen waren. Mutter Marie Hesse, die der Sohn verehrt, um deren Liebe und literarische Anerkennung er ein Leben lang buhlt, wird über den legendären Missionar und Afrikaforscher David Livingstone einen Bestseller schreiben, der 1900 erscheint. Hesse, der Europäer, der angesichts des Ersten Weltkrieges den Untergang des Alten Europas ahnt und anmahnt, doch zwischen Krieg und Kultur zu unterscheiden, Hesse, der kulturelle Brücken schlagen möchte und dabei Hass erntet. Der Vorwurf: Vaterlandsverräter. Hesse, dessen Werke während der NS-Zeit weitgehend verboten waren. Hesse, der Nobelpreisträger von 1946: Das Werk des Schriftstellers ist über die Jahrzehnte hinweg großen Kursschwankungen (inklusive Geldsorgen) unterworfen. Während dem Autor mit dem Nobelpreis für Literatur die höchste literarische Anerkennung zugesprochen wird, gibt es zu allen Zeiten Kritiker:innen. Gottfried Benn nennt ihn einen »Innerlichkeitsromancier«, Robert Musil übt (unveröffentlichte) ätzende Kritik, zeigt sich gegenüber dem Autor allerdings bewundernd: »Ich bin ein großer Verehrer Ihrer Kunst.« (Die vielen Gesichter Hermann Hesses. Ein Dichter im Urteil seiner Zeitgenossen von damals bis heute, Freundeskreis zur Erhaltung der Hermann Hesse-Stätten (Hg.), Edition Isele, 1996, S. 22) Hesses Werk polarisiert spätestens mit Erscheinen von Der Steppenwolf (1927), seinem erfolgreichsten Roman. Mit dem 1919 veröffentlichten Demian, sein Freund Thomas Mann nannte das Buch »eine Dichtung, die mit unheimlicher Genauigkeit den Nerv der Zeit traf«, gelingt der große Durchbruch. Hesse wird zum Autor und »Influencer« der (aus dem Krieg heimgekehrten) deutschen Jugend.
Pop-Autor made in USA
Für Gottfried Benn war Hesse »eine typisch deutsche Sache«. Dabei wird Hesse in den 1960er-Jahren zum Pop-Autor made in USA. Der ehemalige Harvard-Dozent Timothy Leary weist ihn als seinen Lieblingsdichter aus und befeuert mit diesem literarischen Beipackzettel Hesses weltweiten Ruhm: Der Steppenwolf oder Siddhartha lesen und dann LSD nehmen, lautet Learys Empfehlung. Und die amerikanischen Hippies und Vietnamkriegsgegner:innen folgen der Empfehlung. »Born to be wild« singt die sich nach Hesse benannte US-Band »Steppenwolf« 1968 als Soundtrack des Kultfilms »Easy Rider«. Schriftsteller und Maler Henry Miller, Ziehvater der Beat-Generation, nennt Siddhartha »eine wirksamere Medizin als das Neue Testament«. Der Spiegel kann angesichts der amerikanischen Hesse-Renaissance von 1968 ein gewisses Erstaunen nicht verbergen, räumte aber ein: »Und tatsächlich bietet sich Hesse als Hippie-Guru an: mit Wandervogel-Wonnen (Knulp), Subtil-Sex (Narziß und Goldmund) und Drogen-Träumereien (Der Steppenwolf), vor allem aber mit den fernöstlichen Weisheiten seiner Morgenlandfahrt« (Der Spiegel 40/1968) und des in zwölf indische Dialekte übersetzten Siddhartha. Hesse selbst sieht sich angesichts dieser Rezeption in seiner Philosophie missverstanden, was der Tatsache, dass er weltweit einer der am meisten übersetzten und gelesenen Autoren ist, keinen Abbruch tut – im Gegenteil. Andy Warhol zeigt Hermann Hesse 1983 in seinen Porträts als Hedonisten, bearbeitet u.a. das Foto »Hermann Hesse raucht in der Bibliothek, 1935« mit seinen Mitteln und schafft ikonografische Bilder. Der Pop-Art-Künstler labelt den Schriftsteller zum Pop-Literaten.
Idol junger Künstler:innen
Hesse, der Künstler mit den vielen Labels, ist nicht zuletzt Hesse, der Briefeschreiber: Etwa 35.000 Briefe sind überliefert. Ratsuchende schreiben dem Einsiedler, den viele für einen Weisen halten, nach Montagnola im Tessin, an dessen Tor »Bitte keine Besuche!« steht, und Hesse antwortet und spendet Trost. Was würden wir Hesse heute fragen wollen, was würde der Hesse-Bot uns antworten? Da schreibt 1937 auch der 21-jährige Peter Weiss. Und der damals 60-jährige Hermann Hesse antwortet auch ihm. Peter Weiss ist damals noch nicht der Avantgardist und linke politische Dichter, sondern ein nach Orientierung suchender junger Mann, der mit seiner Familie vor den Nationalsozialisten ins Exil geflohen ist. Hesse wird Weiss in der Casa Camuzzi im Tessin beherbergen, wird ihm durch seine Kontakte den entscheidenden Weg in die Malerei aufzeigen. Wie stark die Erstbegegnung mit dem Werk von Hermann Hesse Peter Weiss geprägt hat, lässt sich in Weiss’ autobiografischem Buch Abschied von den Eltern nachlesen: In der Bibliothek der Eltern hatte er Hesses Bücher entdeckt und sich in Harry Haller, dem Protagonisten von Der Steppenwolf, selbst erkannt: »Das Lesen von Hallers Werken war wie ein Wühlen in meinem eigenen Schmerz. Hier war meine Situation gezeichnet, die Situation des Bürgers, der zum Revolutionär werden möchte und den die Gewichte alter Normen lähmen.«
Hesse als popkulturelles Phänomen
Hermann Hesse 2027: Am 2. Juli steht der 150. Geburtstag Hesses an. Kultautor, Guru, Einzelgänger, Maler und Motivlieferant für Kalender oder Kunstpostkarten, Hüter eines Zitatensatzes – aus seinen Romanen, Gedichten, Briefen, den zahlreichen Artikeln –,der auch heute seine Wirkung nicht verloren hat. Zigfach wurde bis heute sein Stufen-Gedicht vertont. Hesse-Zitate können auf TikTok, in den sozialen Medien viral gehen, weil sie in ihrer existenziellen Grundierung und Intensität die Leser:innen bis heute berühren. Hesses Fragen an sich selbst sind Grundfragen an das Leben, an die wir Lesende mühelos anknüpfen können. In Zeiten von Kriegen lässt sich heute nachlesen, wie einer angesichts einer kriegsbegeisterten Bevölkerung und Presse im Ersten Weltkrieg eine mahnende, mäßigende, einsame Position einnahm und dadurch zunehmend isoliert wurde. Heute heißt das »Shitstorm«, was Hesse an Morddrohungen postalisch erhielt. Hesses Skeptizismus gegenüber modernen Entwicklungen in einer zunehmend technisierten, sich konformer zeigenden Welt ist auch deshalb fruchtbar, weil Hesses Lebensekel authentisch zu spüren ist. Hesse, der »Nacktwanderer« (so ließ er sich tatsächlich ablichten) war immer auf der Suche nach dem richtigen Leben im falschen und dabei nicht frei von Ironie. Ein herrlicher Text über die angestrengten Lebensreform-Bewegungen (in deren Spur wir heute unterwegs sind) auf dem Monte Verità im Tessin ist Doktor Knölges Ende (1910). Hesse ist intensiv durch die eigene Hölle gegangen, einfache Schemata von Gut und Böse zählen bei ihm nicht, auch deshalb sind Romane wie Narziß und Goldmund oder Siddhartha, die die Rolle und Bestimmung des Einzelnen in der Gesellschaft befragen, faszinierend. Und Hesses Generationenkonflikte zünden bis heute.
Hesses Texte sind deshalb so intensiv, weil er immer entlang seiner persönlichen Lebenskrisen, seiner seelischen Abgründe schrieb, seine Suche nach einem Sinn, einer Wahrheit zum Stoff seiner Literatur machte. Seine Romane, Erzählungen, Gedichte sind immer auch versteckte Biografien, in seinen Briefen drückt der Rebell ungefiltert seine Opposition zu Elternhaus und Gesellschaft aus: »Ich gehorche nicht und werde nicht gehorchen!« (»Ich gehorche nicht und werde nicht gehorchen!« Hermann Hesse. Die Briefe, Band 1, 1881 – 1904. Hrsg. von Volker Michels, S. 104), oder seinen verzweifelten Lebensekel: »Auf eure Welt anders zu reagieren als zu krepieren oder als mit dem Steppenwolf, wäre für mich Verrat an allem, was heilig ist.« Seine eigenen Fragen sind die Fragen der Jugend, die allerdings nie ihre Gültigkeit verlieren. Die archetypische Zeichnung seiner Figuren, der jungen Männer auf der Suche nach ihrer Bestimmung, ihrem Ziel, in Ablehnung aller Konventionen, lässt sich reibungslos in unterschiedlichste Kulturen adaptieren. Deshalb ist Hesse heute in Südkorea ein Bestsellerautor, ist Demian dort Schullektüre, durchziehen oder inspirieren seine Texte die Songs von K-Pop und von deutschem Indie-Pop: Goldmund von JEREMIAS (2023) ist ein feines jüngstes Beispiel dafür: »Goldmund, du bist ein bisschen so wie ich / Du bist viel zu oft verliebt.« Mehr davon.
Ist Hermann Hesse »nur« ein Autor der Jugend? Zumindest diagnostizierte das Ulrich Weinzierl anlässlich der Uraufführung der Bühnenfassung von Joachim Lux’ Der Steppenwolf am Wiener Burgtheater: Dieses Dokument der Midlife-Crisis spreche »in erster Linie Pubertierende an«: »Hesse hatte man wie die Masern.« (Ulrich Weinzierl: »Heulende Wölfe beißen nicht. Sebastian Hartmann bringt in Wien Hesses ›Steppenwolf‹ auf die Bühne«, in: Die Welt, 30. März 2005, S. 28). Hesse und seine Popularität sind ein Phänomen, dem nachgespürt werden kann. Warum nicht in Form einer Revue, die von einem ungewöhnlichen Künstlerleben erzählt: Hesse, im schwäbischen Calw geboren als Sohn einer württembergischen Missionarstochter und eines deutschbaltischen Missionars, war durch Geburt Staatsbürger des russischen Kaiserreichs, von 1883 bis 1890 und erneut ab 1924 besaß er das Bürgerrecht der Schweiz, dazwischen war er württembergischer Staatsbürger. Aus der pietistischen Enge der schwäbischen Provinz sich befreiend, fand er schließlich im Tessin eine Art von Frieden, wurde er zum erfolgreichsten deutschsprachigen literarischen Exportschlager, zum Pop-Autor made in USA.
Hermann Hesse, eine »typisch deutsche Sache«? Bestimmt nicht. Eine Revue, ein Theaterabend, entlang an Hesses komplexem Leben, seinen Krisen, Werken, bestehend aus literarischen Schnipseln, Szenen, in seine Romane und Briefe springend, ein monomanischer Monolog für einen Soloabend, ein Chor von Stimmen für ein Ensemble, könnte das zeigen. Aber auch die Adaption einzelner Romane auf der Bühne, wie sie mit Demian und Der Steppenwolf bereits erfolgreich umgesetzt wurde.
Ideenskizze für Bühnen-Adaptionen anlässlich des 150. Hesse-Jubiläums
Von Nina Peters
Hermann Hesse: Sohn schwäbischer Pietisten, der als Hochbegabter in den Kaderschmieden des Landes Württemberg eine Karriere als Theologe einschlagen sollte und diesen Weg abbricht (u.a. Demian, Unterm Rad, Narziß und Goldmund). Sorgenkind seiner Erzieher, Rebell gegen die Enge der pietistischen Vorstellungen seiner religiös fanatischen Eltern. Der nervöse Jugendliche mit Selbstmordgedanken, der bereits mit 13 weiß, dass er Schriftsteller werden möchte oder nichts. Die Briefe an die Eltern, an den Vater, aus der kurzen Zeit in der »Irrenanstalt« in Stetten bei Stuttgart – die Eltern meinen, der widerspenstige Junge sei vom Bösen besessen –, ein erschütterndes Dokument fragwürdiger Elternschaft und verfehlter Pädagogik. Nach Tübingen, Hesse wird nach dem Schulabbruch in eine Buchhändlerlehre gesteckt, gibt der Vater ihm »10 Gebote« mit (»Das Rauchen auf ein Minimum beschränken, weil es den Appetit vermindert, die Nerven reizt und Geld kostet.«). Wer diese Familie hinter sich lässt, ist schon weit gekommen.
Influencer der Jugend
Hesse, der ewig suchende Steppenwolf, der Antibürger, geprägt vom Geist der Romantik, der enttäuschte Reisende nach Indien (Siddhartha), wo seine Mutter geboren wurde, seine Eltern als Missionare tätig gewesen waren. Mutter Marie Hesse, die der Sohn verehrt, um deren Liebe und literarische Anerkennung er ein Leben lang buhlt, wird über den legendären Missionar und Afrikaforscher David Livingstone einen Bestseller schreiben, der 1900 erscheint. Hesse, der Europäer, der angesichts des Ersten Weltkrieges den Untergang des Alten Europas ahnt und anmahnt, doch zwischen Krieg und Kultur zu unterscheiden, Hesse, der kulturelle Brücken schlagen möchte und dabei Hass erntet. Der Vorwurf: Vaterlandsverräter. Hesse, dessen Werke während der NS-Zeit weitgehend verboten waren. Hesse, der Nobelpreisträger von 1946: Das Werk des Schriftstellers ist über die Jahrzehnte hinweg großen Kursschwankungen (inklusive Geldsorgen) unterworfen. Während dem Autor mit dem Nobelpreis für Literatur die höchste literarische Anerkennung zugesprochen wird, gibt es zu allen Zeiten Kritiker:innen. Gottfried Benn nennt ihn einen »Innerlichkeitsromancier«, Robert Musil übt (unveröffentlichte) ätzende Kritik, zeigt sich gegenüber dem Autor allerdings bewundernd: »Ich bin ein großer Verehrer Ihrer Kunst.« (Die vielen Gesichter Hermann Hesses. Ein Dichter im Urteil seiner Zeitgenossen von damals bis heute, Freundeskreis zur Erhaltung der Hermann Hesse-Stätten (Hg.), Edition Isele, 1996, S. 22) Hesses Werk polarisiert spätestens mit Erscheinen von Der Steppenwolf (1927), seinem erfolgreichsten Roman. Mit dem 1919 veröffentlichten Demian, sein Freund Thomas Mann nannte das Buch »eine Dichtung, die mit unheimlicher Genauigkeit den Nerv der Zeit traf«, gelingt der große Durchbruch. Hesse wird zum Autor und »Influencer« der (aus dem Krieg heimgekehrten) deutschen Jugend.
Pop-Autor made in USA
Für Gottfried Benn war Hesse »eine typisch deutsche Sache«. Dabei wird Hesse in den 1960er-Jahren zum Pop-Autor made in USA. Der ehemalige Harvard-Dozent Timothy Leary weist ihn als seinen Lieblingsdichter aus und befeuert mit diesem literarischen Beipackzettel Hesses weltweiten Ruhm: Der Steppenwolf oder Siddhartha lesen und dann LSD nehmen, lautet Learys Empfehlung. Und die amerikanischen Hippies und Vietnamkriegsgegner:innen folgen der Empfehlung. »Born to be wild« singt die sich nach Hesse benannte US-Band »Steppenwolf« 1968 als Soundtrack des Kultfilms »Easy Rider«. Schriftsteller und Maler Henry Miller, Ziehvater der Beat-Generation, nennt Siddhartha »eine wirksamere Medizin als das Neue Testament«. Der Spiegel kann angesichts der amerikanischen Hesse-Renaissance von 1968 ein gewisses Erstaunen nicht verbergen, räumte aber ein: »Und tatsächlich bietet sich Hesse als Hippie-Guru an: mit Wandervogel-Wonnen (Knulp), Subtil-Sex (Narziß und Goldmund) und Drogen-Träumereien (Der Steppenwolf), vor allem aber mit den fernöstlichen Weisheiten seiner Morgenlandfahrt« (Der Spiegel 40/1968) und des in zwölf indische Dialekte übersetzten Siddhartha. Hesse selbst sieht sich angesichts dieser Rezeption in seiner Philosophie missverstanden, was der Tatsache, dass er weltweit einer der am meisten übersetzten und gelesenen Autoren ist, keinen Abbruch tut – im Gegenteil. Andy Warhol zeigt Hermann Hesse 1983 in seinen Porträts als Hedonisten, bearbeitet u.a. das Foto »Hermann Hesse raucht in der Bibliothek, 1935« mit seinen Mitteln und schafft ikonografische Bilder. Der Pop-Art-Künstler labelt den Schriftsteller zum Pop-Literaten.
Idol junger Künstler:innen
Hesse, der Künstler mit den vielen Labels, ist nicht zuletzt Hesse, der Briefeschreiber: Etwa 35.000 Briefe sind überliefert. Ratsuchende schreiben dem Einsiedler, den viele für einen Weisen halten, nach Montagnola im Tessin, an dessen Tor »Bitte keine Besuche!« steht, und Hesse antwortet und spendet Trost. Was würden wir Hesse heute fragen wollen, was würde der Hesse-Bot uns antworten? Da schreibt 1937 auch der 21-jährige Peter Weiss. Und der damals 60-jährige Hermann Hesse antwortet auch ihm. Peter Weiss ist damals noch nicht der Avantgardist und linke politische Dichter, sondern ein nach Orientierung suchender junger Mann, der mit seiner Familie vor den Nationalsozialisten ins Exil geflohen ist. Hesse wird Weiss in der Casa Camuzzi im Tessin beherbergen, wird ihm durch seine Kontakte den entscheidenden Weg in die Malerei aufzeigen. Wie stark die Erstbegegnung mit dem Werk von Hermann Hesse Peter Weiss geprägt hat, lässt sich in Weiss’ autobiografischem Buch Abschied von den Eltern nachlesen: In der Bibliothek der Eltern hatte er Hesses Bücher entdeckt und sich in Harry Haller, dem Protagonisten von Der Steppenwolf, selbst erkannt: »Das Lesen von Hallers Werken war wie ein Wühlen in meinem eigenen Schmerz. Hier war meine Situation gezeichnet, die Situation des Bürgers, der zum Revolutionär werden möchte und den die Gewichte alter Normen lähmen.«
Hesse als popkulturelles Phänomen
Hermann Hesse 2027: Am 2. Juli steht der 150. Geburtstag Hesses an. Kultautor, Guru, Einzelgänger, Maler und Motivlieferant für Kalender oder Kunstpostkarten, Hüter eines Zitatensatzes – aus seinen Romanen, Gedichten, Briefen, den zahlreichen Artikeln –,der auch heute seine Wirkung nicht verloren hat. Zigfach wurde bis heute sein Stufen-Gedicht vertont. Hesse-Zitate können auf TikTok, in den sozialen Medien viral gehen, weil sie in ihrer existenziellen Grundierung und Intensität die Leser:innen bis heute berühren. Hesses Fragen an sich selbst sind Grundfragen an das Leben, an die wir Lesende mühelos anknüpfen können. In Zeiten von Kriegen lässt sich heute nachlesen, wie einer angesichts einer kriegsbegeisterten Bevölkerung und Presse im Ersten Weltkrieg eine mahnende, mäßigende, einsame Position einnahm und dadurch zunehmend isoliert wurde. Heute heißt das »Shitstorm«, was Hesse an Morddrohungen postalisch erhielt. Hesses Skeptizismus gegenüber modernen Entwicklungen in einer zunehmend technisierten, sich konformer zeigenden Welt ist auch deshalb fruchtbar, weil Hesses Lebensekel authentisch zu spüren ist. Hesse, der »Nacktwanderer« (so ließ er sich tatsächlich ablichten) war immer auf der Suche nach dem richtigen Leben im falschen und dabei nicht frei von Ironie. Ein herrlicher Text über die angestrengten Lebensreform-Bewegungen (in deren Spur wir heute unterwegs sind) auf dem Monte Verità im Tessin ist Doktor Knölges Ende (1910). Hesse ist intensiv durch die eigene Hölle gegangen, einfache Schemata von Gut und Böse zählen bei ihm nicht, auch deshalb sind Romane wie Narziß und Goldmund oder Siddhartha, die die Rolle und Bestimmung des Einzelnen in der Gesellschaft befragen, faszinierend. Und Hesses Generationenkonflikte zünden bis heute.
Hesses Texte sind deshalb so intensiv, weil er immer entlang seiner persönlichen Lebenskrisen, seiner seelischen Abgründe schrieb, seine Suche nach einem Sinn, einer Wahrheit zum Stoff seiner Literatur machte. Seine Romane, Erzählungen, Gedichte sind immer auch versteckte Biografien, in seinen Briefen drückt der Rebell ungefiltert seine Opposition zu Elternhaus und Gesellschaft aus: »Ich gehorche nicht und werde nicht gehorchen!« (»Ich gehorche nicht und werde nicht gehorchen!« Hermann Hesse. Die Briefe, Band 1, 1881 – 1904. Hrsg. von Volker Michels, S. 104), oder seinen verzweifelten Lebensekel: »Auf eure Welt anders zu reagieren als zu krepieren oder als mit dem Steppenwolf, wäre für mich Verrat an allem, was heilig ist.« Seine eigenen Fragen sind die Fragen der Jugend, die allerdings nie ihre Gültigkeit verlieren. Die archetypische Zeichnung seiner Figuren, der jungen Männer auf der Suche nach ihrer Bestimmung, ihrem Ziel, in Ablehnung aller Konventionen, lässt sich reibungslos in unterschiedlichste Kulturen adaptieren. Deshalb ist Hesse heute in Südkorea ein Bestsellerautor, ist Demian dort Schullektüre, durchziehen oder inspirieren seine Texte die Songs von K-Pop und von deutschem Indie-Pop: Goldmund von JEREMIAS (2023) ist ein feines jüngstes Beispiel dafür: »Goldmund, du bist ein bisschen so wie ich / Du bist viel zu oft verliebt.« Mehr davon.
Ist Hermann Hesse »nur« ein Autor der Jugend? Zumindest diagnostizierte das Ulrich Weinzierl anlässlich der Uraufführung der Bühnenfassung von Joachim Lux’ Der Steppenwolf am Wiener Burgtheater: Dieses Dokument der Midlife-Crisis spreche »in erster Linie Pubertierende an«: »Hesse hatte man wie die Masern.« (Ulrich Weinzierl: »Heulende Wölfe beißen nicht. Sebastian Hartmann bringt in Wien Hesses ›Steppenwolf‹ auf die Bühne«, in: Die Welt, 30. März 2005, S. 28). Hesse und seine Popularität sind ein Phänomen, dem nachgespürt werden kann. Warum nicht in Form einer Revue, die von einem ungewöhnlichen Künstlerleben erzählt: Hesse, im schwäbischen Calw geboren als Sohn einer württembergischen Missionarstochter und eines deutschbaltischen Missionars, war durch Geburt Staatsbürger des russischen Kaiserreichs, von 1883 bis 1890 und erneut ab 1924 besaß er das Bürgerrecht der Schweiz, dazwischen war er württembergischer Staatsbürger. Aus der pietistischen Enge der schwäbischen Provinz sich befreiend, fand er schließlich im Tessin eine Art von Frieden, wurde er zum erfolgreichsten deutschsprachigen literarischen Exportschlager, zum Pop-Autor made in USA.
Hermann Hesse, eine »typisch deutsche Sache«? Bestimmt nicht. Eine Revue, ein Theaterabend, entlang an Hesses komplexem Leben, seinen Krisen, Werken, bestehend aus literarischen Schnipseln, Szenen, in seine Romane und Briefe springend, ein monomanischer Monolog für einen Soloabend, ein Chor von Stimmen für ein Ensemble, könnte das zeigen. Aber auch die Adaption einzelner Romane auf der Bühne, wie sie mit Demian und Der Steppenwolf bereits erfolgreich umgesetzt wurde.
»Ich finde, die Wirklichkeit ist das, worum man sich am allerwenigsten zu kümmern braucht, denn sie ist, lästig genug, ja immerzu vorhanden, während schönere und nötigere Dinge unsre Aufmerksamkeit und Sorge fordern. Die Wirklichkeit ist das, womit man unter gar keinen Umständen zufrieden sein, was man unter gar keinen Umständen anbeten und verehren darf, denn sie ist der Zufall, der Abfall des Lebens. Und sie ist, diese schäbige, stets enttäuschende oder öde Wirklichkeit, auf keine andre Weise zu ändern, als indem wir sie leugnen, indem wir zeigen, daß wir stärker sind als sie.«
Hermann Hesse. Sämtliche Werke. Hrsg. von Volker Michels, Band 12, Autobiographische Schriften II, Frankfurt am Main 2003, S. 58
