Jorge Semprúns Stücke im Suhrkamp Theater Verlag
Zwei Texte über die Erfahrung des Lagers und ein nicht uraufgeführtes Stück über Karl Marx’ jüngste Tochter
Jorge Semprún sagte über sich selbst: »Ich bin weder Franzose noch Spanier, ich bin ein nach Buchenwald Deportierter.« Der 1923 in Madrid geborene junge Intellektuelle war als Mitglied der französischen Résistance 1943 von der Gestapo verhaftet und 1944 in das deutsche Lager bei Weimar deportiert worden, nach Paris kam er nach dem Krieg als Staatenloser zu seiner Familie zurück. Es ist ein beklemmender Moment in der ARTE-Dokumentation über Semprún aus dem Jahr 2023. Ein Weggefährte beschreibt, wie Jorge Semprún als alter Mann nach Buchenwald reiste und er den Eindruck gewinnen musste, ein Kind zu erleben, das das Haus seiner Kindheit wieder erkannte: »Wir hatten wirklich das Gefühl, er sei nach Hause zurückgekehrt.«
Die Erfahrung des Lagers, der politischen Verfolgung und Folter war der Stoff von Semprúns autobiografischen Schriften, Erzählungen, preisgekrönten Drehbüchern und Theaterstücken. Der Dramatiker Semprún war ein Meister des Dialogs und der Montagetechnik. Er schuf Konstellationen, wie sie die Bühne vielleicht noch überzeugender herstellen kann als der Film, dessen erzählerischer Mittel sich Semprún für das Theater bediente. In Bleiche Mutter – Zarte Schwester lässt er Persönlichkeiten und Figuren aus unterschiedlichen historischen Zeiten aufeinandertreffen und collagiert Figuren, Songs, Literatur, um die Geister der Vergangenheit zu beschwören. Dieser Kunstgriff macht einen zeitgenössischen Umgang mit dem Stück attraktiv, gibt dem Theatertext eine Durchlässigkeit. Dass die Gegenwart ohne die Kenntnis der Vergangenheit nicht zu begreifen ist, steckt als Gedanke in allen Texten Semprúns, die mit ihrer Erzähltechnik einen lässigen Aufklärungsgestus erzeugen.
In Bleiche Mutter – Zarte Schwester kehrt ein Überlebender als alter Mann an den Ort der Unmenschlichkeit zurück, stellt sich den Geistern des Lagers Buchenwald und seiner Landschaft. Auf dem Ettersberg bei Weimar begegnet er aber auch dem Dichter Goethe im Gespräch mit dem einst in Buchenwald inhaftierten französischen Politiker und Juden Léon Blum. Deportierte und Totengräber treten auf, die Brecht-Schauspielerin Carola Neher, Geliebte von Brecht, die dieser in Gedichten so zart umschrieb und umwarb. Sie sollte 1943, nachdem sie als überzeugte Kommunistin aus NS-Deutschland nach Moskau gegangen war, in einem sibirischen Lager ums Leben kommen. Ausgehend von der Figur von Carola Neher, deren tragisches Schicksal in den Mühlen des Stalinismus zu selten erzählt wurde, verschneidet Semprún zwei Schauplätze: Während in Nazideutschland Juden und linke Intellektuelle interniert und vernichtet werden, erinnern sich deutsche Künstler im sowjetischen Exil an ihre Heimat; an deutsche Empfindsamkeit, an Zartheit, Sprache und Poesie, an Menschlichkeit und Kultur. Noch einmal spielt Carola Neher auf der russischen Datsche von Friedrich Wolf Goethes Iphigenie, ehe sie von Stalins Leuten verschleppt wird. Was den Zuschauer:innen als Utopie bleibt, ist der Menschheits- und Theatertraum vom Guten, vom Schönen. Klaus Michael Grüber, auf dessen Wunsch dieses Stück entstand, inszenierte die Uraufführung im Juli 1995 in Weimar. Es endet mit dem Appell an die jüngere Generation, nicht zu vergessen.
Auch Gurs – eine europäische Tragödie ist Ausdruck von Semprúns Lebens- und Lagererfahrung. Das südfranzösische Lager Gurs wurde 1939, nach der Niederlage der spanischen Republik, zur Internierung internationaler Brigadekämpfer gebaut. Wenig später landeten dort Antifaschist:innen und Jüd:innen aus ganz Europa. Wie in Bleiche Mutter – Zarte Schwester ist es ein bestimmter Ort, hier das Lager Gurs, der für Semprún zum Anlass wird zur Reflexion: über den Verrat an den kommunistischen Idealen, über die Möglichkeiten der Kunst in einer politisch und gesellschaftlich ausweglosen Situation. Da ist der Schauspieler Ernst Busch, einst in Gurs inhaftiert, der über Deutschland, Brecht und die Hoffnung, mit Kunst und Politik den Nationalismus und Faschismus zu überwinden, spricht. Mit seinen Mitgefangenen studiert er Brechts Die Maßnahme ein.
Bisher ohne Uraufführung ist Semprúns Stück Ich, Eleonore, Tochter von Karl Marx, Jüdin! Bernhard Shaw tritt darin auf, kommentiert das Geschehen, wirft einen Blick in die Zukunft und gibt gleichsam Ton und Farbe des Dialogstückes vor: Was als Salonkomödie beginnt, wird zur Tragödie über das Schicksal der Tochter von Karl Marx. Sie, die jüngste der drei Töchter, die immer wusste, dass ihr Vater eigentlich lieber einen Sohn gehabt hätte, tritt sein Erbe an. In London – in ihrem Haus gehen Gäste ein und aus – engagiert sie sich für die Arbeiterbewegung. Und während die Salonmarxisten um sie herum noch über die Weltrevolution nachdenken, wirft Eleonore 1898 einen visionären Blick hinüber ins 20. Jahrhundert: Es werde zum Jahrhundert der Frau und der Juden, sagt sie, bevor sie sich mit einer Dosis Gift das Leben nimmt. Der Reiz des Stückes liegt, wie auch in Gurs oder Bleiche Mutter – Zarte Schwester, in Semprúns Lust an der Kollage, am Spiel mit Material, an den fiktionalen Dialogen mit Dokumentarischem wie Briefen, Literatur, Zitaten aus weltbekannten Schriften, die ihre historischen Figuren bis heute überleben und die Geister der Vergangenheit zum Leben erwecken. Eleonore Marx, so reflektiert Bernhard Shaw in diesem am stärksten konventionell erzählten Stück Semprúns, biete Stoff für Filme, für die Bühne. Wer wird von ihr erzählen?